{"id":263,"date":"2012-03-25T10:13:07","date_gmt":"2012-03-25T10:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/dgi2012\/?p=263"},"modified":"2015-02-03T11:42:25","modified_gmt":"2015-02-03T11:42:25","slug":"podiumsdiskussion-zukunft-der-informationswissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/dgi2012\/podiumsdiskussion-zukunft-der-informationswissenschaft\/","title":{"rendered":"Podiumsdiskussion: Zukunft der Informationswissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Am 23.03.2012, dem zweiten Tag der DGI-Konferenz, war eines der Highlights wohl die Podiumsdiskussion zum Thema &#8222;Zukunft der Informationswissenschaft&#8220;, moderiert von Wolfgang G. Stock. An der Diskussionsrunde nahmen mit folgenden Kernthesen teil:<\/p>\n<p><strong>Willi Bredemeier (Password): <\/strong>Informationswissenschaft ist eine Verhaltenswissenschaft, eine politische \u00d6konomie.<\/p>\n<p><strong>Stefan Gradmann (DGI): <\/strong>Die Dokumentation muss sich als Teil der Web Science neu erfinden und dementsprechend auch anders betitelt werden.<\/p>\n<p><strong>Hans-Christoph Hobohm (FH Potsdam): <\/strong>Information und Dokumentation sind nur dann praxisrelevant, wenn sie \u00fcber Shannon und Turing hinausgehen. Die Informationswissenschaft muss sich mehr dem praktischen Handeln zuwenden.<\/p>\n<p><strong> Marlies Ockenfeld (IWP): <\/strong>Informationswissenschaft sollte sich auf die theoretischen Grundlagen der Dokumentation und ihre Anwendungssysteme konzentrieren.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Schl\u00f6gl (Uni Graz): <\/strong>Die deutschsprachige Informationswissenschaft muss forschungsm\u00e4\u00dfig verankert werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu Beginn der Podiumsdiskussion stellte der Moderator zun\u00e4chst die Themen und Fragen vor, um die es in der Diskussion prim\u00e4r gehen sollte:<\/p>\n<ol>\n<li>Stand der Informationswissenschaft in deutschsprachigen L\u00e4ndern: Gibt es Unterschiede zu anderen L\u00e4ndern? Wo liegen unsere St\u00e4rken und Schw\u00e4chen? Welche Hindernisse und Chancen gibt es?<\/li>\n<li>Stand der Informationspraxis in deutschsprachigen L\u00e4ndern: Was unterscheidet die heutige Informationspraxis von der Dokumentation? Welche Kompetenzen m\u00fcssen Informationspraktiker beherrschen?<\/li>\n<li>Wie ist das Verh\u00e4ltnis von Informationswissenschaft und Informationspraxis zur Web Science und zu Social Media?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Erster gro\u00dfer Diskussionspunkt war der Stand der deutschen Informationswissenschaft. Nachdem Willi Bredemeier betonte, dass die die deutsche Informationswissenschaft noch besser sei, als es im Tagungsband rausk\u00e4me, legte Christian Schl\u00f6gl seine Ansichten dazu dar. Die kontinentaleurop\u00e4ische Informationswissenschaft sei nicht so stark ausgepr\u00e4gt wie sie sein sollte, da aktuelle Themen von den Nachbardisziplinen und nicht von der Informationswissenschaft selbst behandelt werden. Des weiteren f\u00fchrte er Untersuchungen aus dem Zeitraum 2000 bis 2012 vor, die zeigen, welche L\u00e4nder in der Informationswissenschaft f\u00fchrend sind. An erster Stelle stehen derzeit mit Abstand die USA. Allerdings sei China bereits dabei, aufzuholen. Auch innerhalb Deutschlands wurde ein Ranking innerhalb des Untersuchungszeitraums erstellt. Dabei zeigte sich, dass an erster Stelle die Humboldt Universit\u00e4t Berlin steht, gefolgt von der Bayer Staatsbibliothek an zweiter und der Heinrich-Heine-Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf an dritter Stelle.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend bezog Hans-Christoph Hobohm Stellung zum Stand der Informationswissenschaft und f\u00fchrte an, dass die Informationswissenschaft noch zu wenig von anderen Disziplinen profitiere, besonders denen, die sich mit dem Menschen besch\u00e4ftigen, wie der Kognitionswissenschaft. Besonders bem\u00e4ngelte er jedoch, dass der Informationspraxis noch viel Theorie fehlt und sagte: &#8222;Wir k\u00f6nnen nicht einfach ein Semanic Web aufbauen und erst sp\u00e4ter merken, dass es nicht geht.&#8220;.<\/p>\n<p>Stefan Gradmann gab bez\u00fcglich des Standes der Informationswissenschaft zu denken: &#8222;Wenn wir uns beklagen, dass wir im Ausland nicht wahrgenommen werden, dann vielleicht auch, weil wir nicht wahrnehmen, was die anderen tun&#8220;.<\/p>\n<p>Daraufhin kam eine Diskussion bez\u00fcglich der Definition von Dokumentations- und Informationswissenschaft auf. Informationswissenschaft m\u00fcsse innerhalb des Begriffes <em>Web Science<\/em> neu definiert werden. Es gehe nicht darum, m\u00f6glichst viele Informationen zu akkumulieren, sondern sie so darzustellen, dass daraus Wissen wird. Die Informationswissenschaft brauche ein anderes semiologisches Fundament, so Stefan Gradmann.<\/p>\n<p>Marlies Ockenfeld bemerkte diesbez\u00fcglich, dass bereits in der damaligen Definition des Begriffes <em>Dokument<\/em> gesagt wird, dass ein Dokument jedwede Form annehmen kann, solange es Wissen repr\u00e4sentiert. Sie kritisiert, dass die Dokumentationswissenschaft damals auf einem h\u00f6heren Stand als heute war und eine Trivialisierung stattgefunden hat, wenn man bedenkt, dass auch frei vergebene Tags in Flickr als Bestandteil informationswissenschaftlchen Handelns gesehen werden. Sie erkl\u00e4rt au\u00dferdem, dass heute auch aus Kostengr\u00fcnden nicht mehr detailiert genug gearbeitet und erschlossen wird, und auch die Informationskompetenz m\u00fcsse besser werden.<\/p>\n<p>In Bezug auf Flickr hakte Moderator Wolfgang G. Stock nach, dass Flickr usw. doch Erweiterungen in der Informationswissenschaft seien. Marlies Ockenfeld negiert dies, und sieht diese Tatsache eher als eine Verflachung, woraufhin sich Clemens Weins aus dem Publikum zu Wort meldete und ihr widersprach, da die Maschinen jetzt viel mehr k\u00f6nnten und man mittlerweile mit einer viel komplexeren Umgebung umgehen k\u00f6nnen m\u00fcsse. Darufhin entgegnete sie: Dokumentationsw\u00fcrdigkeit!<\/p>\n<p>Nachdem sich die Diskussion kurz um die Zukunft der Informationswissenschaft an der Potsdamer Hochschule drehte, und ein klare Aussage fiel, dass es in Potsdam keinen Beschluss gebe, den Studiengang abzuwickeln und im Zuge der Curriculumsdiskussion beschlossen wurde, sich wieder auf wissenschaftliche Bibliotheken zu konzentrieren, tat Willi Bredemeier seine Meinung kund, dass man den handelnden Menschen in den Mittelpunkt stellen m\u00fcsse. Die anderen bisher angesprochen Themen halte er zwar f\u00fcr gute Forschungsprogramme, jedoch f\u00fcr zu kurzschl\u00fcssig f\u00fcr die Zukunft der Informationswissenschaft.<\/p>\n<p>Stefan Gradmann jedoch stellte die Bibliotheken in den Mittelpunkt und stellte fest: &#8222;Wir kommen in eine Phase, in der sich eine Mauer schlie\u00dft, bez\u00fcglich der Bibliotheken.\u00a0 Bibliotheken k\u00f6nnen wieder Orte werden, an denen Wissen generiert wird, an denen mit Wissen umgegangen wird.&#8220;<\/p>\n<p>Die wohl unterhaltsamste Aussage der 1 1\/2 &#8211; st\u00fcndigen Diskussion an diesem Tag kam aus dem Publikum: &#8222;Das Thema Information Retrieval ist nicht mehr so sexy!&#8220;. Darauf entgegnete Moderator Wolfgang G. Stock nur l\u00e4ssig: &#8222;Information Retrieval ist Google. Und Google <em>ist<\/em> sexy!&#8220;<\/p>\n<p>Aus dem Publikum kam schlie\u00dflich die Kritik, dass es z.B. f\u00fcr den Dokumentarberuf zu wenig Fortbildungsm\u00f6glichkeiten gebe, woraufhin Hans-Christoph Hobohm antwortete, dass es manchmal einfach an Stoff f\u00fcr Fortbildungen fehle. Man schwimme so, wie auch die Praxis schwimmt. Au\u00dferdem m\u00fcsse mehr publiziert werden. Stefan Gradmann sah dies etwas anders und betonte ausdr\u00fccklich &#8222;Wir bieten gute Fortbildung!&#8220;, was er mit einer vorgelesenen E-Mail einer Teilnehmerin zus\u00e4tzlich bekr\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Hans-Christoph Hobohm sprach schlie\u00dflich einen neuen Kritikpunkt an. &#8222;Wir reden seit Jahren \u00fcber Informationskompetenz, aber es gibt keine Professur daf\u00fcr!&#8220; Daraufhin kam jedoch die Zwischenfrage aus dem Publikum, was denn Informationswissenschaft mit Informationswirtschaft und Bildung zu tun habe. Evrim Sen, ebenfalls aus dem Publikum, erkl\u00e4rte, dass z.B. ohne Informationswissenschaft auch keine Suchmaschinen entwickelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Christian Schl\u00f6gl stellte darauf hin fest, dass man zun\u00e4chst erstmal klar unterscheiden m\u00fcsse zwischen der informationswissenschaftlichen Etablierung und informationswissenschaftlichen Problemstellungen. Bei der informationswissenschaftlichen Etablierung ergebe sich das Problem, dass die Informationswissenschaft als Randfach gilt. Im Anschluss daran wurden sich die Diskutanten und auch die regen Publikumsteilnehmer einig, dass Interdisziplinarit\u00e4t wichtig ist. Man m\u00fcsse viel mehr interdisziplin\u00e4r aufnehmen und die Inhalte aus verschiedenen Bereichen erst einmal aufbereiten, so Hans-Christoph Hobohm.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend kam aus dem Publikum die Frage, welche informationswissenschaftlichen Disziplinen f\u00fcr die Diskutanten denn \u00fcberhaupt Zukunft haben. Nach kurzer Zeit des \u00dcberlegens fielen u.a. die Disziplinen Informetrie, Methoden und Instrumente der inhaltlichen Erschlie\u00dfung und Informationsverhaltensforschung.<\/p>\n<p>Zusammenfassend kann man sagen: es war eine wirklich sehr lebhafte Podiumsdiskussion, an der auch das Publikum aktiv teilgenommen hat. Wirklich einer der H\u00f6hepunkte der gesamten DGI-Konferenz!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23.03.2012, dem zweiten Tag der DGI-Konferenz, war eines der Highlights wohl die Podiumsdiskussion zum Thema &#8222;Zukunft der Informationswissenschaft&#8220;, moderiert von Wolfgang G. Stock. 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