{"id":1,"date":"2024-03-04T22:35:19","date_gmt":"2024-03-04T21:35:19","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/?p=1"},"modified":"2024-03-04T22:35:28","modified_gmt":"2024-03-04T21:35:28","slug":"dante-der-eingang-bin-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/2024\/03\/04\/dante-der-eingang-bin-ich\/","title":{"rendered":"Der Eingang bin ich&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dantes: Der Eingang bin ich&#8230; Eine Satzfolge, die ihresgleichen sucht. Auch wenn meist nur ihr Ende zitiert wird. Ich wei\u00df nicht, woran es liegt, aber in wenigstens einer Hinsicht haben Bret Easton Ellis und ich etwas gemeinsam. Es ist ein Faible f\u00fcr diesen einen Satz von Dante, den jeder kennt, der das Ende der Folge und der Anfang der H\u00f6lle ist und der im Original wie folgt lautet: Lasciate ogne speranza, voi ch&#8217;intrate. Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet. Oder, kanonisch und entsprechend getragen: Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der steht bei American Psycho dick irgendwo in Manhattan an eine Wand gesprayt und ist genauso metafiktional wie er bei Dante ist. Der Satz ist diegetisch, weist aber weit \u00fcber die Diegese hinaus. Selbst als das Fragment, als das er pr\u00e4sentiert wird. Und doch ist er lange vor Ellis zu b\u00fcrgerlichem Kulturgut geworden, findet sich in Meyers Konversationslexikon, m\u00fcsste eigentlich tot sein. Wie, dass er dennoch etwas zu geben imstande ist? Wie, dass er dennoch eine G\u00e4nsehaut hervorrufen kann? \u2013 Und das kann er, wie mein Unterarm beweist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Satz ist ja zun\u00e4chst eingebettet in einen Kontext, den man, glaube ich, schon kennen sollte. Dante kommt\u00a0 in der Mitte seines Lebens, wie er sagt, an die H\u00f6llenpforte und bet\u00e4tigt sich dort unten als guter Tourist. Er hat Vergil zum F\u00fchrer, der, nat\u00fcrlich, nicht ganz bis nach oben mitdarf, und erlebt allerlei irgendwie Strindberg&#8217;sche Abenteuer, wenn man das so anachronistisch ausdr\u00fccken darf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dante: Lasciate ogne speranza! Ich: Und zwar am besten jetzt!<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dante kommt an die Pforte. Und da steht dann auf Deutsch &#8222;Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer, der Eingang bin ich usw.&#8220;. Im Italienischen ist das schon irgendwie smoother: &#8222;Per me er me si va ne la citt\u00e0 dolente,<br>per me si va ne l&#8217;etterno dolore, per me si va tra la perduta gente.\u201c Also: Durch mich geht&#8217;s hinein in die Stadt der Schmerzen, durch mich geht&#8217;s hinein zum ewigen Kummer, durch mich gehen wir unter das verlorene Geschlecht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist keine metrisch ad\u00e4quate \u00dcbersetzung, klar, aber sie macht doch deutlich, wie sich hier eine statische, monolithische, deutsche Vorstellung &#8222;der Eingang bin ich&#8220; gegen\u00fcber einer dynamischen, romanischen, florentinischen verh\u00e4lt &#8222;durch mich geht&#8217;s hinein&#8220;. N\u00e4mlich so wie Schotter zu Mosaik \u2013 is irgendwie das Gleiche, irgendwie aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verliert die H\u00f6lle dadurch etwas von ihrer D\u00fcsternis? \u2013 Ja, schon, sie wird dadurch irgendwie verspielter, weniger teutonisch dunkel, dantesker, man k\u00f6nnte auch sagen: mittelalterlicher.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dante \u2013 der der&#8217;s ertr\u00e4glich macht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein romantischer Topos, klar, aber ich glaube, dass die Dunkelheit erst mit der Aufkl\u00e4rung kam. Erst das Licht schafft die Dunkelheit, so wie der Tod das Leben zum Leben macht \u2013 und das Mittelalter, das nimmt die Dinge vielleicht gar nicht so krumm. Da werden halt K\u00f6pfe benagt im Wasser unter Charons Kahn, na und? \u2013 Psychosen erwachsen daraus wohl nur dem post-descartschen Subjekt. Schlie\u00dflich: Wem soll eine Psychose erwachsen, wenn es kein Subjekt gibt, dem die Psychose sich, benagend, n\u00e4hern kann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit ist der Eingang in den Blog der Schmerzen auch irgendwie schon an seinem Ende. Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren. Zumindest, so sich eure Hoffnung auf Stringenz, Koh\u00e4renz und wissenschaftlichen Mehrwert gerichtet hat. In diesem Sinne. <a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\">Mehr gibt&#8217;s hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dantes: Der Eingang bin ich&#8230; Eine Satzfolge, die ihresgleichen sucht. Auch wenn meist nur ihr Ende zitiert wird. Ich wei\u00df nicht, woran es liegt, aber in wenigstens einer Hinsicht haben Bret Easton Ellis und ich etwas gemeinsam. 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