{"id":103,"date":"2024-12-29T01:27:23","date_gmt":"2024-12-29T00:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/?p=103"},"modified":"2024-12-29T01:27:29","modified_gmt":"2024-12-29T00:27:29","slug":"relektuere-eines-klassikers-rezension-zu-arno-holz-johannes-schlaf-papa-hamlet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/2024\/12\/29\/relektuere-eines-klassikers-rezension-zu-arno-holz-johannes-schlaf-papa-hamlet\/","title":{"rendered":"Relekt\u00fcre eines Klassikers. Rezension zu Arno Holz &amp; Johannes Schlaf: Papa\u00a0Hamlet"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<a href=\"https:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht\/?PPN=PPN798793988\">Was? Das war Niels Thienwiebel?<\/a>&nbsp;Niels Thienwiebel, der gro\u00dfe, un\u00fcbertroffene Hamlet aus Trondhjem? Ich esse Luft und werde mit Versprechungen gestopft? Man kann Kapaunen nicht besser m\u00e4sten? \u2026\u201c Mehr in medias res geht nicht. Jahrzehnte bevor James Joyce den modernen Roman erfindet , machen sich zwei Deutsche daran, Literatur in die Moderne zu werfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1889 publizierten Arno Holz und Johannes Schlaf unter dem Pseudonym Bjarne P.Holmsen einen der vielleicht innovativsten Texte deutschsprachiger Literatur. Und machten dabei ziemlich gutes Marketing.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ver\u00f6ffentlichung und Rezeption.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1889 ist die deutsche Literatur (mal wieder) in einer Sackgasse. Die gro\u00dfe Zeit des Realismus ist vorbei. B\u00fcchner ist noch nicht so richtig wiederentdeckt. Kafka noch etwas zu jung, um gute Texte zu schreiben. Ende des 19. Jahrhunderts sind es vor allem Namen aus dem Norden, die von sich reden machen: Strindberg, Ibsen oder Hamsun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dumm ist es nicht, wenn Holz und Schlaf sich kurzerhand ein norwegisches Pseudonym verpassen. Auch einen \u00dcbersetzer denken sie sich aus und lassen diesen den Text als den neuesten Shit aus der K\u00e4lte anpreisen. Exotismus soll hier wirken. \u2013 Und das ist vielleicht auch n\u00f6tig, denn fremdartig ist es ja, was da aus dem Poetenkollektiv Niedersch\u00f6neweide stammt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zeitgen\u00f6ssische Leser:innen beklagen Orientierungslosigkeit. Ein Rezensent bem\u00e4ngelt die&nbsp;<a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/NordUndSued1889Bd050\/page\/274\/mode\/2up\">\u201eGespreiztheit und Geschmacklosigkeit\u201c<\/a>&nbsp;des Textes. Gleichwohl: Unbestreitbar originell sei es eben doch, wie der Rezensent zugesteht. \u00dcbrigens geht dieser Kritiker Holz und Schlaf auf den Leim \u2013unbek\u00fcmmert nennt er sie Bjarne P. Holmsen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSein oder Nichtsein, das ist hier die Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob\u2019s edler im Gem\u00fct, die Pfeil\u2018 und Schleudern<br>Des w\u00fctenden Geschicks erdulden, oder \u2026<br>oder? \u2026 Scheu\u00dflich!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niels Thienwiebel<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hintergrund und Epoche von Papa Hamlet<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht in&nbsp;<em>Papa Hamlet<\/em>&nbsp;nat\u00fcrlich auch um Hamlet, den ewig z\u00f6gernden D\u00e4nen. Und der wird hier in seiner degenerierten Version dargestellt. Doch Hamlet ist als Niels Thienwiebel nicht mehr nur z\u00f6gerlich, \u00f6dipal verwachsen und hemmungslos \u00fcberfordert. Ende des 19. Jahrhunderts ist er auch noch zum selbsternannten Avantgardisten entartet. Er ist gro\u00dfspurig, unf\u00e4hig und mit Sicherheit eine der unsympathischsten Hauptfiguren der Literaturgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Papa Hamlet<\/em>&nbsp;wird oft und gerne mit Hauptmanns&nbsp;<em>Bahnw\u00e4rter Thiel&nbsp;<\/em>verglichen. Beide Texte werden als paradigmatische Erz\u00e4hlungen des Naturalismus bezeichnet. Ein Urteil, das durch die Relekt\u00fcre von Holz und Schlafs&nbsp;<em>Papa Hamlet<\/em>&nbsp;ziemlich sicher revidiert werden muss. Wenn es so etwas wie eine naturalistische deutsche Novelle des 19. Jahrhunderts gibt, dann ist es&nbsp;<em>Papa Hamlet<\/em>.&nbsp;<em>Bahnw\u00e4rter Thiel&nbsp;<\/em>mag die Grundorientierung teilen. Doch was die Arno Holz und Johannes Schlaf hier f\u00fcr ein Feuerwerk abbrennen ist eine ganz andere Liga.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gattungstheorie und Papa Hamlet: Medienzusammenschluss nach dem Tod der Lyrik.&nbsp;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn es um Hamlet geht, dann geht es nat\u00fcrlich immer auch um das Theater.&nbsp;<em>Papa Hamlet&nbsp;<\/em>entsteht zu einer Zeit, in der die Lyrik zusehends ins Abseits ger\u00e4t. Noch ist sie nicht da, wo Kittler sie in&nbsp;<em>Ein Mi\u00dfbrauch von Heeresger\u00e4t<\/em>&nbsp;verortet. Und es ist auch richtig, dass George, Rilke, Benn und Celan erst noch loslegen m\u00fcssen mit ihrer Produktion. Doch es sind diese vier Dichter doch schon Dichter f\u00fcr Liebhaber. Die Lyrik ist funktional ausdifferenziert, ein Fachdiskurs. F\u00fcr Prosa und Theater gilt dies zu diesem Zeitpunkt noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/gm.winter-verlag.de\/data\/article\/9413\/pdf\/131101007.pdf\">Alexandra Tischel<\/a>&nbsp;verweist auf die gebrochenen Bez\u00fcge zum Theater und dem Theatralischen. \u2013 Aber auch darauf, dass sich hier ein Medienwechsel ank\u00fcndigt. Das Theater wird nicht nur Thema, es ist auch Strukturprinzip. Gleichwohl erscheint es aufgehoben in der Prosa.&nbsp;<em>Papa Hamlet&nbsp;<\/em>verweist damit deutlich auf die totale Prosa Arno Schmidts.Und die k\u00f6nnte man \u2013je nach Personalideologie \u2013 durchaus als einen Endpunkt der narrativen Prosa verstehen. Muss man aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr wen Papa Hamlet geeignet ist<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was man aber schon machen k\u00f6nnen m\u00fcsste:&nbsp;<em>Papa Hamlet&nbsp;<\/em>lesen. Den Text gibt\u2019s billig bei Reclam, in zig Bibliotheken und selbstverst\u00e4ndlich auch digitalisiert. Auch hier gilt, dass es sich dabei kaum um einen besonders aufmunternden Text handelt. Aber daf\u00fcr sind vielleicht eher die Herren George und Co. zust\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Papa Hamlet<\/em>&nbsp;von Arno Holz und Johannes Schlaf ist ein Text, der Lesenden einen gewissen Widerstand entgegensetzt. Er ist kein gef\u00e4lliger Text, doch genau das erscheint als seine gro\u00dfe St\u00e4rke. Leseempfehlung f\u00fcr alle, die das Abenteuer mit einem Text nicht scheuen, der mehr sein will als nur Literatur. Der Anspruch ist Natur zu sein \u2013 oder herzustellen. Laut Holz ist Kunst Natur \u2013 X. Je weniger X,desto mehr Kunst. Das ist demiurgisch \u2013 und ein wenig anma\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wer jetzt noch nicht \u00fcberzeugt ist:&nbsp;<em>Papa Hamlet&nbsp;<\/em>l\u00e4sst sich auch hervorragend hassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Papa Hamlet ist ein Text, der eigentlich zu fr\u00fch erschienen ist. Mittlerweile ist das aber ziemlich egal. Klassiker ist Klassiker. Und dieser hier hat eine Relekt\u00fcre unbedingt verdient. Eine Rezension zu einem bestenfalls noch unbekannten Text.<\/p>\n","protected":false},"author":378,"featured_media":105,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54],"tags":[58,57],"class_list":["post-103","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","tag-hamlet","tag-naturalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/378"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions\/106"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/media\/105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}