{"id":115,"date":"2025-01-14T23:49:13","date_gmt":"2025-01-14T22:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/?p=115"},"modified":"2025-01-14T23:59:07","modified_gmt":"2025-01-14T22:59:07","slug":"gender-trouble-in-der-gute-mensch-von-sezuan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/2025\/01\/14\/gender-trouble-in-der-gute-mensch-von-sezuan\/","title":{"rendered":"Gender-Trouble in Der gute Mensch von Sezuan."},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bosheit ist blo\u00df eine Art Ungeschicklichkeit. Wenn jemand ein Lied singt oder eine Maschine baut oder Reis pflanzt, das ist eigentlich Freundlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2013&nbsp;<em>Shen Te<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell Dir vor, es g\u00e4be eine Welt&nbsp;<a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\/2021\/09\/29\/vom-korper-zum-leib-und-wieder-zuruck-in-drei-abschnitten\/\">ohne entfremdete Arbeit<\/a>. Eine Welt voller Freundlichkeit im obigen Sinne. Wom\u00f6glich w\u00e4re es eine Welt, in der auch Shin Te nicht nur gut, sondern auch ehrlich bleiben k\u00f6nnte. Eine Welt, in der es&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_gute_Mensch_von_Sezuan#Inhalt\">Shui Ta<\/a>nicht br\u00e4uchte. Doch die Welt, wenigstens die, in der Bertolt Brechts&nbsp;<em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em>&nbsp;spielt, ist eben nicht gut. Sie ist nicht voller Freundlichkeit, aber sie ist voller entfremdeter Arbeit. \u2013 So sie denn wenigstens noch Arbeit hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sie aber sicher ist: voller M\u00fchsal. In der als fiktiv attributierten Provinz Sezuan ist der einzige gute Mensch der, der sich selbst zur Ware macht. Hier wird nicht nur die Arbeitkraft verkauft, hier geht der ganze Mensch als Verdinglichter \u00fcber die Theke:&nbsp;<strong>Potenzierte Entfremdung<\/strong>. Und, kaum auch nur ansatzweise im Gl\u00fcck, treten die \u00fcbrigen Armen mit ihren Anspr\u00fcchen, ihren Zumuten auf.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rettung kleiner Nachen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird sofort in die Tiefe gezogen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu viele Versinkende<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Greifen gierig nach ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2013&nbsp;<em>Shen Te<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum Bertolt Brechts&nbsp;<em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em>&nbsp;immer noch eine Lekt\u00fcre wert ist<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf die Frage, warum&nbsp;<em>Der gute Mensch von Sezuan&nbsp;<\/em>immer noch eine Lekt\u00fcre wert ist, gibt es mindestens zwei Antworten. Die erste, k\u00fcrzere k\u00f6nnte sich mit einem Hinweis auf den Verfasser begn\u00fcgen: Ein St\u00fcck von&nbsp;<strong>Bertolt Brecht<\/strong>. Und dann auch noch eines aus der Exilphase, in der die Signature-St\u00fccke entstanden sind:&nbsp;<em>Mutter Courage und ihre Kinder<\/em>,&nbsp;<em>Das Leben des Galilei<\/em>,&nbsp;<em>Herr Puntila und sein Knecht Matti<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mag Geschmackssache sein, aber f\u00fcr mich ist der Exil-Brecht irgendwie der reifste Brecht. Es gibt immer noch diese verr\u00fcckten S\u00e4tze, die schon in&nbsp;<em>Trommeln in der Nacht&nbsp;<\/em>fallen (\u201eIch bin ein Schwein und das Schwein geht heim\u201c, \u201eEllbogen muss man haben, genagelte Stiefel muss man haben\u201c). Doch gleichzeitig sind die Charaktere so sicher gezeichnet, klar konturiert, schlechtgut und gutschlecht: menschlicher als alles, was in Schiller, Kleist und sogar Grabbe aufgetreten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2013 Das war die kurze Antwort. Die gar nicht so schrecklich kurz war. Die l\u00e4ngere Antwort hingegen lautet wie folgt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Der schlechte Mann von Sezuan<\/em>,&nbsp;<em>Die gute Frau von Sezuan<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Brecht nicht unbedingt ein feministischer Autor war, ist mittlerweile gut bekannt. Shen Te im Besonderen ist auch alles andere eher als ein emanzipatorischer Leuchtturm. Wie Anne Hermann gezeigt hat, bedient die ehemalige Prostituierte und baldige Mutter in dieser Ausdehnung so ziemlich genau das Repertoire, das Frauen im klassischen Patriarchat zur Verf\u00fcgung stand: Hure und Mutter. Und doch lohnt sich ein Blick auf den bezeichnenden Umstand, dass Shen Te w\u00e4hrend der Handlung des St\u00fcckes weder das eine noch das andere jemalss ist. Insofern unterl\u00e4uft sie den bin\u00e4ren Code zun\u00e4chst einmal.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein frei flottierendes generisches Maskulinum?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch auch das vermag den desastr\u00f6sen Eindruck, den das Ganze macht, nicht zu lindern. Diskussionen \u00fcber das sprachliche Mitmeinen, Exkludieren etc. haben, egal auf welcher Seite man steht, sensibel gemacht. Niemand kann mehr leugnen, nicht \u00fcbers generische Maskulinum zu stolpern. Vor diesem Hintergrund liest sich folgende Passage irgendwie schr\u00e4g, in der die G\u00f6tter Wang dar\u00fcber aufkl\u00e4ren, dass in Shen Te ein guter Mensch gefunden wurde.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch, du hast jemand gefunden. Als du weg warst, kam&nbsp;<em>er<\/em>.&nbsp;<em>Er&nbsp;<\/em>nahm uns auf f\u00fcr die Nacht,&nbsp;<em>er<\/em>&nbsp;beh\u00fctete unseren Schlaf, und&nbsp;<em>er<\/em>&nbsp;leuchtete uns mit einer Lampe am Morgen, als wir&nbsp;<em>ihn<\/em>&nbsp;verlie\u00dfen. Du aber hast&nbsp;<em>ihn<\/em>&nbsp;uns genannt als einen guten Menschen, und&nbsp;<em>er<\/em>&nbsp;war gut.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich verstehe, dass sich die Personalpronomen kongruent zu&nbsp;<em>jemand<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Mensch<\/em>&nbsp;verhalten. Aber, mal dar\u00fcber nachgedacht: W\u00fcrden wir das heute noch so sagen, wenn es sich bei dem guten Menschen um einen weiblichen guten Menschen handeln w\u00fcrde? Bricht die Kongruenz die Referenz? I doubt it! \u2013 Und das mag man auch als Argument daf\u00fcr nehmen, dass es mit dem generischen Maskulinum vielleicht doch gar nicht so schrecklich weit her ist. Aber gut.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gender-Masking als Selbst-Verteidigung in&nbsp;<em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shen Te wird zu Shui Ta aus Selbstschutz. Doch sagt das unbedingt etwas dar\u00fcber aus, welche Ideologie das St\u00fcck propagiert? Wir haben es mit einem Parabelst\u00fcck zu tun und damit mit einem Paradest\u00fcck Epischen Theaters. Im Zentrum des Epischen Theaters steht der Verfremdungs-Effekt, kurz V-Effekt. Der V-Effekt soll Einf\u00fchlung verhindern, Identifizierung stoppen. Keine Immersion oder Mimesis. Zuschauer*innen sollen das Menschenwerk auf der B\u00fchne kritisch begutachten. Shen Te bedient sich innerhalb der Handlung des V-Effekts, soll aber auch nicht als Feier&nbsp;<a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\/2024\/03\/01\/auch-liebe-ist-rabotta\/\">herrschender Gender-Politik<\/a>&nbsp;verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indem Shen Te versucht, als Frau gut zu sein, als Frau aber objektiviert, ausgenutzt wird, ist es ihre einzige Rettung, sich zu travestieren und in Shui Ta einem maskulinen, durchaus toxischen, durchaus gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Gebahren anheimzufallen. Shui Ta ist ihr bester Versuch, sich selbst zu behaupten. Dass die dabei untergeht, ist eine St\u00e4rke des St\u00fcckes. Aber auch ziemlich oldschool.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es stimmt, das Shen Te schon arg sentimal gezeichnet ist. Und dass sie in doppelte Abh\u00e4ngigkeit von M\u00e4nnern ger\u00e4t (Sun &amp; Shui Ta) mag etwas \u00fcber das Frauenbild der sp\u00e4ten 30er Jahre aussagen, warum nicht? Gleichzeitig aber zeigt uns das St\u00fcck inwiefern es unter den Vorzeichen des Patriarchats unm\u00f6glich ist, Frau&nbsp;und&nbsp;autonom zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em>&nbsp;als Einladung, selbst produktiv zu werden<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdru\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schlu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der einzige Ausweg w\u00e4r aus diesem Ungemach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie selber d\u00e4chten auf der Stelle nach<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf welche Weis dem guten Menschen man<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu einem guten Ende helfen kann.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em>&nbsp;ist kein St\u00fcck eines \u00fcber alle Fehler, ideologischen Idiosynkrasien und Sexismen erhabenen Dichtergottes. Das St\u00fcck in Bausch und Bogen als obsolet zu betrachen, ist aber \u2013 bestenfalls \u2013 borniert. Brechts Exilst\u00fccke geh\u00f6ren imho&nbsp;<a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\/2024\/12\/24\/relekture-eines-klassikers-rezension-zu-arno-holz-johannes-schlaf-papa-hamlet\/\">mit zum Besten, was das deutschsprachige Theater im 20. Jahrhundert<\/a>&nbsp;hervorgebracht hat und zwar vor allem: weil der erhobene Zeigefinger l\u00e4ngst nicht so eregiert ist, wie er&#8217;s zu Beginn des 3. Jahrtausend gerne ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In&nbsp;<em>Der gute Mensch von Sezuan<\/em>&nbsp;geht es eher darum, selbst anzupacken. Produktiv zu werden. Freiheit zu ergreifen. Und so ist auch das Hinnehmen eines kulturindustriell fabrizierten Schlusses ist eine Art der Entfremdung. Brecht macht das nicht mit. Hier ruft uns das St\u00fcck zum Weiterdichten auf:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schlu\u00df!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mu\u00df ein guter da sein, mu\u00df, mu\u00df, mu\u00df!<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht gibt eine klassische Travestie-Story. Das hat durchaus mit dem Merchant of Venice zu tun. Was man vom folgenden Text allerdings nicht behaupten kann.<\/p>\n","protected":false},"author":378,"featured_media":117,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[62,65,63,67,64],"class_list":["post-115","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-brecht","tag-entfremdung","tag-episches-theater","tag-gender","tag-sezuan"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/378"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":119,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115\/revisions\/119"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/media\/117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}