{"id":43,"date":"2024-03-24T22:33:13","date_gmt":"2024-03-24T21:33:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/?p=43"},"modified":"2024-03-24T22:50:59","modified_gmt":"2024-03-24T21:50:59","slug":"nur-so-kann-geschrieben-werden-kafkas-kasteiungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/2024\/03\/24\/nur-so-kann-geschrieben-werden-kafkas-kasteiungen\/","title":{"rendered":"Nur so kann geschrieben werden \u2013 Kafkas Kasteiungen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie kann geschrieben werden? <\/em>Am 14. August 1913&nbsp;<a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\/2021\/12\/14\/kafka-brief-an-oskar-pollack\/\">schreibt Franz Kafka<\/a>&nbsp;in sein Tagebuch: &#8222;Der Coitus als Bestrafung des Gl\u00fcckes des Beisammenseins. M\u00f6glichst asketisch leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich, die Ehe zu ertragen. Aber sie?&#8220; (574)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und am Tag darauf: &#8222;Qualen im Bett gegen Morgen. Einzige L\u00f6sung im Sprung aus dem Fenster gesehn.&#8220; Der Glaube, trotz allem in einer Ehe bestehen zu k\u00f6nnen sei &#8222;ein Glaube, den ich gewisserma\u00dfen schon auf der Fensterkante fasse.&#8220; (576\u2013577)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird nichts aus dieser Ehe. N\u00fcchtern zieht Kafka Bilanz. &#8222;Folgerungen aus dem<em>&nbsp;Urteil<\/em>&nbsp;f\u00fcr meinen Fall. Ich verdanke die Geschichte auf Umwegen ihr. Georg geht aber an der Braut zugrunde.&#8220; (574)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie geht Georg Bendemann in&nbsp;<em>Das Urteil<\/em>&nbsp;zugrunde?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Franz Kafka also hat nicht die Absicht, an &#8222;der Braut zugrunde&#8220; zu gehen. Aber wie w\u00fcrde das aussehen, wenn er so zugrundeginge wie Georg an seiner Braut? Wie geht Georg denn zugrunde?<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Georg Bendemann (Protagonist von&nbsp;<em>Das Urteil<\/em>) ist verlobt<\/li>\n\n\n\n<li>Diese Verlobung teilt er einem&nbsp;<a href=\"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/2024\/03\/21\/wenn-du-solche-freunde-hast-das-urteil-von-franz-kafka\/\">omin\u00f6sen Freund<\/a>&nbsp;nicht mit<\/li>\n\n\n\n<li>Sein Vater, der ziemlich deutlich Anzeichen von Demenz tr\u00e4gt, verurteilt Georg zum Tode, auch wegen des Freundes<\/li>\n\n\n\n<li>Georg Bendemann springt von einer Br\u00fccke<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Ehe: eine Kafkaeske Disziplin?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verlobte in&nbsp;<em>Das Urteil<\/em>&nbsp;als Ursache f\u00fcr Georgs Sprung von der Br\u00fccke zu sehen, ist schon eine ziemlich eindeutige Interpretation. Sie ist nicht unbedingt die naheliegenste. Es scheint, dass Georg eigentlich an seiner verkr\u00fcppelten Beziehung zu seinem Vater zugrundegeht. Oder an der zu seinem Freund. Oder einfach generell an seinem kaputten Verh\u00e4ltnis zur Welt. Aber an der Verlobten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen wir mal den Sexismus eines Franz Kafka beiseite \u2014 der ist ein eigenes Thema. Und ich glaube, dass er leider gar nicht so de-essentialistisch ist, wie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/services\/aop-cambridge-core\/content\/view\/299A4D2BBB0BEF280122F41771F8FF63\/9780511999802c10_p169-188_CBO.pdf\/kafka-and-gender.pdf\">Lorenz meint<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nimmt man diese kurze Auto-Interpretation ernst, dann ist Georgs Problem vor allem, dass er sich verlobt hat. Eine irgendwie verr\u00fcckte Interpretation, wenn man&nbsp;<em>Das Urteil<\/em>&nbsp;kennt, aber egal. Wenn das so ist: Warum ist das so?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nur, wie kann geschrieben werden?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, es ist durchaus angebracht, hier auf das Eingangszitat zu verweisen. Das pikante. Das mit dem Coitus als Bestrafung. Auch dies erscheint ja eher&#8230; besonders. Wobei: Sex als den Gipfel und damit Endpunkt einer Beziehung zu beschreiben, w\u00e4re auch eher verk\u00fcrzend. Es offenbarte auch das eine oder andere Defizit. Aber Sex als Bestrafung zu lesen, verweist dann eben auf bestimmte Issues. Um es mal sozusagen vorsichtig auszudr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sex ist die Strafe f\u00fcr&#8217;s Beisammensein<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ehe ist notwendig, aber sie ist eben nur zu ertragen, wenn man asketisch lebt. Ehe ohne Sex, das ist das Ideal, das Kafka hier vorzuschweben scheint. Das ist ja in Ordnung so. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bl\u00f6d nur, dass er diesen unseligen Zweiwortsatz &#8222;und Sie?&#8220; hinterhersetzt. Was hei\u00dft das? Bezieht sich dieses \u201esie\u201c auf Frau Felice Bauer, die Verlobte resp. Ex-Verlobte? Oder bezieht sich das \u201esie\u201c auf &#8222;das Weib&#8220;, also diese Entit\u00e4t, die sp\u00e4testens seit den Verfassern der Genesis durch die Kulturgeschichte geistert und Frauen eine tiefere, uners\u00e4ttliche, weil nat\u00fcrliche Sinnlichkeit zuschreibt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist jetzt keine Antwort, die ich hier geben kann. Aber die Frage zu formulieren, ist es ja schon ein Anfang.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nur <em>so<\/em> kann geschrieben werden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem muss damit nicht Schluss sein. Kafka formuliert in seinen Notizen auch einen Ausweg. &#8222;Qualen im Bett&#8220;, die &#8222;Einzige L\u00f6sung im Sprung aus dem Fenster gesehen&#8220;&#8230; Kafka hatte da auch schon produktivere M\u00f6glichkeiten, wie geschrieben werde k\u00f6nnte gefunden. Eine davon schilderte er ein knappes Jahr vorher. Und zwar genau in dem Moment, in dem er&nbsp;<em>Das Urteil<\/em>&nbsp;beendet hatte:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Geschichte &#8222;das Urteil&#8220; habe ich in der Nacht vom 22 zum 23 von 10 Uhr abends bis 6 Uhr fr\u00fch in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehn. [&#8230;] Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem R\u00fccken. [&#8230;] Die leichten Herzschmerzen. [&#8230;] Nur so kann geschrieben werden.<\/p>\n<cite>T 460\u2013461<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Asketismus gen\u00fcgt nicht. Man muss sich auch qu\u00e4len. Kafkas Werk: Ein Raub an der Libido. Nur so kann geschrieben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur so kann geschrieben werden, sagt Kafka. Nur wie? Unter anderem, indem man sich einiges versagt. Nur was? 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