{"id":89,"date":"2024-12-20T20:48:39","date_gmt":"2024-12-20T19:48:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/?p=89"},"modified":"2024-12-20T21:36:54","modified_gmt":"2024-12-20T20:36:54","slug":"ruth-maria-thomas-die-schoenste-version","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/2024\/12\/20\/ruth-maria-thomas-die-schoenste-version\/","title":{"rendered":"Ruth-Maria Thomas: Die sch\u00f6nste Version."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber Kubricks <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=T54uZPI4Z8A\">A Clockwork Orange<\/a> <\/em>sagte mal jemand: \u201eEin Film wie ein Zugungl\u00fcck. Man will ihn nicht sehen \u2013 und muss doch hingucken.&#8220; Es braucht nur ein Wort ausgetauscht werden und das Zitat lie\u00dfe sich auch auf Ruth-MariaThomas&#8216; Deb\u00fctroman <em><a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/ruth-maria-thomas-die-schoenste-version-9783498006952\">Die sch\u00f6nste Version<\/a><\/em> anwenden. Ein Buch, so brutal, verst\u00f6rend und faszinierend wie eine Katastrophe. Wohl auch, weil in ihm gleich mehrere Katastrophen in ihrer eskalierenden Vernetzung gezeigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/litkrit.hhu-blog.de\/?p=1\">Protagonistin Jella<\/a> ist nicht nur mit einem jener stigmatisierenden Namen geschlagen, die das Herkunftsmilieu bei jeder Kontrolle, jedem Beh\u00f6rdengang und jedem Kaufvertrag laut herausbr\u00fcllen. Jella lebt auch dort, wo die Leute traditionell nur weg wollen: in der \u00f6stlichsten Ecke Deutschlands, der braunkohleschweren Lausitz. Das sch\u00f6ne Brandenburg mit seinen W\u00f6lfen, Birnb\u00e4umen und lauschigen Seen ist hier weit weg. Hier schl\u00e4gt der Strukturwandel unerbittlich zu und deformiert damit die Herzen und Seelen der Bewohner:innen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die sch\u00f6nste Version. Nur wessen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jella ist auch Scheidungskind, vorzeitig erwachsen \u2013 ohne jemals wirklich erwachsen werden zu k\u00f6nnen. Sie tr\u00e4gt Verantwortung, die sie gar nicht tragen kann \u2013 doch daran zerbricht sie nicht. Genauso wenig wie an den Zumutungen, die ihr ganzes Umfeld ihr antr\u00e4gt. Und sie zerbricht auch nicht, als ihre (vermeintlich) gro\u00dfe Liebe Jan sie w\u00fcrgt, schl\u00e4gt und misshandelt. Denn genau das ist dieser Roman: Ein Roman \u00fcber die Gewalt in intimen Beziehungen und wie diese Gewalt sich Bahn bricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die sch\u00f6nste Version<\/em>&nbsp;zeigt, dass Gewalt nicht da anf\u00e4ngt, wo A B ins Gesicht schl\u00e4gt. Gewalt ist subtiler, kommt unter Masken daher, ist ein schleichendes Gift, das Handeln, Denken und F\u00fchlen ganzer Bev\u00f6lkerungen vergiftet. Jellas Martyrium hat schon lange, bevor sie Jan \u00fcberhaupt kennengelernt hat, begonnen. Ihre Sozialisation unter den Vorzeichen, Imperativen und Normalit\u00e4ten des Patriarchats erleben Leser:innen in R\u00fcckblenden mit. Parallel aber wird gezeigt, wie Jella w\u00e4chst, wie sie auftaucht aus einem Netz, das ihr zum Verh\u00e4ngnis werden wollte, aber sie nicht einwickelt. Jella ist ein Opfer von Gewalt und doch hat es den Anschein, dass sie genau dadurch erst erf\u00e4hrt, wer sie \u00fcberhaupt sein k\u00f6nnte. Und damit wird der Status als blo\u00dfes Opfer \u00fcberwunden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ruth-Maria Thomas: Anklagen ohne erhobenen Zeigefinger<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Roman gewinnt durch seine radikale Perspektivierung. Es ist Jellas Text: ihre Gedanken, ihre Sprache. Paradoxerweise gelingt es dem Text dadurch, sich den erhobenen Zeigefinger zu sparen. So schrecklich das Thema ist, so lakonisch vermag Jella davon zu berichten. Es ist immerhin ihre Normalit\u00e4t, es ist ein Leben, das wir in seinen (paar) H\u00f6hen und (den vielen, vielen) Tiefen miterleben d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/autorin\/ruth-maria-thomas-41782\">Ruth-Maria Thomas<\/a> d\u00fcrfte wissen, wovon sie schreibt. Sie stammt aus der Region, ist in einem Alter mit Jella. Ob Autobiographisches eingeflossen ist \u2013 oder ob es die professionellen Erfahrungen waren, die Thomas als Streetworkerin machen konnte. <a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\/2022\/04\/09\/was-ist-ein-autor\/\">Letztlich d\u00fcrfte das egal sein<\/a>.\u00a0<em>Die sch\u00f6nste Version<\/em>\u00a0ist auch ein Zeitroman. Und ein Roman, der in der Tradition von Realismus und Neuer Sachlichkeit steht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr wen das Buch etwas ist. Und f\u00fcr wen erst Recht.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher ist\u00a0<em>Die sch\u00f6nste Version<\/em>\u00a0<a href=\"https:\/\/textwandel.wordpress.com\/2021\/12\/14\/kafka-brief-an-oskar-pollack\/\">keine erbauliche Literatur<\/a>. Ein Buch wie ein Zugungl\u00fcck? Ja, doch eines, bei dem man zu Beginn noch nicht so wei\u00df, was und vor allem wieviel eigentlich passiert ist. Den Leser:innen bleibt nichts, als sich auf den Weg zu machen und nachzuschauen. Und dabei bleibt der eine oder andere unangenehme Blick in die eigenen Abgr\u00fcnde nicht aus. \u2013 Und falls doch, dann sollte das zu denken geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein erbaulicher Roman. Keine Handlungsempfehlung. Kunstvoll ist er auch nicht. Und genau das macht ihn so verdammt, verdammt gut.<\/p>\n","protected":false},"author":378,"featured_media":26,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54],"tags":[48,51,43,40,46],"class_list":["post-89","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","tag-48","tag-debuetroman","tag-haeusliche-gewalt","tag-roman","tag-ruth-maria-thomas"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/378"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89\/revisions\/101"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.phil.hhu.de\/jobel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}