Androgynos – wie behandelt die Mischna eine Person beiderlei Geschlechts?

Da mir B.M. vergangenen Samstag in Berlin die Frage stellte, wie das jüdische Recht einen Hermaphroditen behandelt, und ich spontan nur sagen konnte, dass solche Personen erbrechtlich den Frauen zugeordnet werden, möchte ich an dieser Stelle etwas ausführlicher antworten. Ich zitiere dazu den relevanten Abschnitt aus Mischna Bikkurim 4,1-5, der sich mit Personen beschäftigt, die mit männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen geboren werden. Bei ihnen stellt sich die Frage, ob sie rechtlich wie Männer oder Frauen behandelt werden. Interessant ist, dass der Fachbegriff, der in der Mischna für diese Personen benutzt wird, aus dem Griechischen stammt. Die Mischna bezeichnet eine Person beiderlei Geschlechts als „Andrógynos“, was wörtlich übersetzt „Mann-Frau“ bedeutet. Hier der Text aus der Mischna in einer freieren Übersetzung:

1) Beim Androgynos gibt es Arten und Weisen, die den Männern gleichen,
und es gib Arten und Weisen, die den Frauen gleichen,
und es gibt Arten und Weisen, die weder den Männern, noch den Frauen gleichen.

2) In welcher Weise gleichen sie den Männern?
Sie haben Samenerguss wie Männer (und fallen damit unter bestimmte Reinheitsvorschriften).
Sie kleiden sich wie Männer.

Er heiratet (wie ein Mann) und wird nicht geheiratet (wie eine Frau).
Seine Mutter fällt bei seiner Geburt unter die Reinheitsvorschriften wie bei der Geburt eines Jungen.
Er darf – wie Männer – nicht mit Frauen allein sein.

(Wenn er Waise wird, und mehrere Kinder versorgt werden müssen,) wird er nicht mit den Töchtern ernährt(, sondern er wird behandelt) wie die männlichen Kinder (die aus dem Erbe versorgt werden).

Er übertritt das Gesetz: Du darfst deinen Bart nicht rund scheren (wenn er das doch tut),

und er darf wie männliche (Priester) sich nicht an Toten verunreinigen (d.h. bestimmte Reinheitsvorschriften müssen wie bei Männern eingehalten werden).

Er ist zu allen Gesetzen, die in der Tora (der hebräischen Bibel) vorgeschrieben sind, verpflichtet wie die Männer.

3) In welcher Weise gleichen sie Frauen?

Er fällt (unter die Reinheitsvorschriften) zur Menstruation wie Frauen.

Er darf – wie Frauen – nicht mit Männern allein sein.

Er ist (aber) nicht – wie Frauen – an die Schwagerehe gebunden. (Wenn ein Mann ohne Nachkommen zu hinterlassen stirbt, die erbberechtigt sind, muss der Bruder des Mannes mit der verwitweten Schwägerin ein Kind zeugen, das das Erbe des verstorbenen Bruders antreten kann. Über das Kind ist dann der Status der Frau und ihr Versorgungsanspruch gesichert.)

Er hat keinen Anteil (am Erbe) mit den Söhnen (sondern ist zu behandeln) wie ein weibliches Kind. (!!! an B.M.: hier ist die Stelle, an die ich mich erinnert habe!!!)

Er ißt auch nicht wie (ein männlicher Priester) von den heiligen (Gaben) des Tempels (sondern ist zu behandeln) wie eine Frau.

Seine Mutter muss seinetwegen (nach der Geburt) die Reinheitsvorschriften wie bei der Geburt eines Mädchen beachten (d.h. sie muss zweimal die Reinheitsvorschriften einhalten: wie die für die Geburt eines Jungen und wie die für die Geburt eines Mädchen).

Er ist – wie Frauen – nicht als Zeuge zulässig.

Wenn er vergewaltigt wurde (und aus einer Priesterfamilie stammt), ist er – wie eine Frau – untauglich, wenn es (um die Behandlung von) Opfergaben (geht).

4) In welcher Weise gleichen sie Frauen und Männern?

Man ist, wenn man ihn schlägt oder (ihm) flucht, schuldig wie bei Männern und Frauen (…)

Im Folgenden macht die Mischna nun an einzelnen Beispielen klar, dass der Androgynos im Schadens- und im Strafrecht wie jeder andere Mensch behandelt wird, und er weder Vor- noch Nachteile durch seine Zweigeschlechtlichkeit zu erwarten hat. So erbt er allein, wenn keine weiteren Nachkommen vorhanden sind. Möglich wäre etwa gewesen, dass die Mischna entschiede, ihn zu übergehen und das Erbe einem der Großeltern zuzusprechen. Dies geschieht nicht!

5) Auf welche Weise sind sie weder den Frauen noch den Männern gleich?

Die Mischna argumentiert zunächst aus medizinischer Sicht: Da es sein kann, dass gleichzeitig Menstruations- und Samenflüssigkeit auftreten, hat der Androgynos diesbezüglich einen Sonderstatus.
Die Mischna ordnet außerdem an, dass es zu vermeiden ist, das Geschlecht des Androgynos öffentlich entweder als weiblich oder als männlich zu benennen. Gibt es Prozeduren, die dies verlangen (etwa, wenn die Tempelsteuer zu entrichten ist), muss sich der Androgynos diesem Prozedere nicht unterziehen.

Insgesamt war die Frage für die Rabbinen wohl nicht ganz so einfach zu behandeln. So sagt Rabbi Jose am Schluss des Abschnitts:
„Der Androgynos ist ein Geschöpf für sich, und die Weisen konnten nicht entscheiden, ob er ein Mann oder eine Frau ist.
Aber beim „Tumtum“ (dessen Geschlechtsorgane nicht sichtbar sind) ist es nicht so.
Manchmal ist er ein Mann und manchmal ist er eine Frau.“

Zum Thema siehe auch:
http://de.nachrichten.yahoo.com/das-dritte-geschlecht.html

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4 Kommentare zu Androgynos – wie behandelt die Mischna eine Person beiderlei Geschlechts?

  1. Levi sagt:

    Sehr informativ! Einerseits ist die halachische Behandlung von Hermaphroditen gerade in Anbetracht des historischen Kontexts auffallend pragmatisch. Andererseits ist es ebenso augenscheinlich, wie Hermaphroditen oftmals "doppelt" halachisch behandelt werden, was ihre Behandlung doch z.T. sehr hart erscheinen lässt; etwa dass ein Hermaphrodit weder allein mit Männern noch allein mit Frauen sein solle. Die doppelte Anwendung des Yichud-Prinzips erscheint mir doch sehr isolierend.

  2. Vera sagt:

    Doch relative viele Eintraege, finde ich. Vielen Dank!

  3. dboerner sagt:

    Tosefta Bik 2,3-7 überliefert die Sinneinheit wie in der Mischna. Laut Bar Ilan CD erwähnt der Babli den Androgynos 26 x, 3x in den halakhischen Midraschim belegt, 13x in den übrigen Midraschim. Raschi , Tosafot, Ramban, Ritba beschäftigen sich ausführlicher mit dem Thema, insgesamt werden in meiner Version der CD 224 Einträge aufgelistet. Habe aber beim Schnelllesen keine Fallbeschreibung gefunden.

  4. Vera sagt:

    Sehr interessant! Insbesondere der Fall unter 5). Gibt es dort z. B. etwas in den Responsen, resp. sind konkrete Faelle bekannt?

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