Wein in Bechern

Im babylonischen Talmud finden wir in Traktat Nedarim 50b ein Gleichnis, das in erster Linie eine padägogische Funktion hat. Es schließt sich an eine vorlaute und respektlose Feststellung einer nicht mit herausragender Intelligenz gesegneten „Tochter eines Kaisers“ an. Der Lehrer, der mit dieser Situation konfrontiert ist, muss auf die Kaiserstochter verbal reagieren, da er sonst selbst als respektlos, nämlich gegenüber einer Angehörigen des Kaiserhauses, erschiene. Dies wiederum könnte ihn Kopf und Kragen kosten. Er ist also zu einem Dialog gezwungen, obwohl die Feststellung der Kaiserstochter zutiefst beleidigend gemeint ist. In dieser Situation reagiert er souverän, indem er der jungen Dame klar macht, dass es im Leben nicht um Äußerlichkeiten geht:

„Die Tochter des Kaisers sagte zu R. Jehoschua ben Chanania: „Die herrliche Gesetzeskunde in einem solch hässlichen Gefäß?!“ Er entgegnete ihr: „Lerne dies im Hause deines Vaters: Wohinein gibt man Wein?“ Sie sagte: „In irdene Gefäße (Keramikbecher).“ Er sagte: „Alle Welt benutzt irdene Gefäße, sogar ihr?! Ihr solltet ihn in silberne und goldene Gefäße füllen.“ Daraufhin ging sie und füllte Wein in silberne und goldene Becher – und er verdarb. Da sagte [R. Jehoschua] zu ihr: „Mit der Gesetzeskunde ist es ebenso.“ [Die Tochter des Kaisers sagte:] „Es gibt aber auch Schöne, die gelehrt sind!“ [R. Jehoschua] erwiderte ihr: „Wären sie hässlich, wären sie noch gelehrter.“

 

Share
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Wein in Bechern

  1. Verus sagt:

    Absolut nachvollziehbar ... wer möchte schon verdorbenen Wein aus goldenen Bechern trinken ...;&

Schreibe einen Kommentar