Vita activa

Daniel Binswanger schrieb über Hannah Arendt: „Hannah Arendt war eine Philosophin der Schwergewichtsklasse. Und dabei so bezaubernd, dass dem grossen Martin Heidegger zeitweise die Dinge verrutschten. Was dieser Femme de Lettres zu Freiheit und Macht einfiel, immer wieder von neuem, ist schön wie die Wahrheit.“

In Hannah Arendts Schrift „Vita activa“ findet sich ein Kapitel über „Das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“, aus dem ich – nach dem Hinweis auf  Wilhelm Schapp, In   Geschichten verstrickt – einige Gedanken zitieren möchte. Man könnte anknüpfend an diese Ausführungen von Hannah Arendt darüber nachdenken, was es für einen Menschen bedeutet, in eine bestimmte Familie, einen bestimmten kulturellen Hintergrund, eine bestimmte Religion hineingeboren zu werden.

„Der Bereich, in dem die menschlichen Angelegenheiten vor sich gehen, besteht in einem Bezugssystem, das sich überall bildet, wo Menschen zusammenleben. Da Menschen nicht von Ungefähr in die Welt geworfen, sondern von Menschen in eine schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affizieren. Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, so ergeben sie wieder klar erkennbare Muster bzw. sind als Lebensgeschichten erzählbar.

Weil dieses Bezugsgewebe mit den zahllosen, einander widerstrebenden Absichten und Zwecken, die in ihm zur Geltung kommen, immer schon da war, bevor das Handeln überhaupt zum Zuge kommt, kann der Handelnde so gut wie niemals die Ziele, die ihm ursprünglich vorschwebten, in Reinheit verwirklichen; aber nur weil Handeln darin besteht, den eigenen Faden in ein Gewebe zu schlagen, das man nicht selbst gemacht hat, kann es mit der gleichen Selbstverständlichkeit Geschichten hervorbringen, mit der das Herstellen Dinge und Gegenstände produziert. Das ursprünglichste Produkt des Handelns ist nicht die Realisierung vorgefasster Ziele und Zwecke, sondern die von ihm ursprünglich gar nicht intendierten Geschichten, die sich ergeben, wenn bestimmte Ziele verfolgt werden, und die sich für den Handelnden selbst erst einmal wie nebensächliche Nebenprodukte seines Tuns darstellen mögen. Das, was von seinem Handeln schließlich in der Welt verbleibt, sind nicht die Impulse, die ihn selbst in Bewegung setzten, sondern die Geschichten, die er verursachte ….“ (H.A., Vita activa oder Vom tätigen Leben, München  1981, S. 174 )

Ihr 26. Kapitel, das die Überschrift trägt „Die Zerbrechlichkeit menschlicher Angelegenheiten“, beginnt Hannah Arendt mit den Worten:

„Handeln, im Unterschied zum Herstellen, ist in Isolierung niemals möglich; jede Isoliertheit, ob gewollt oder ungewollt, beraubt der Fähigkeit zu handeln. So wie das Herstellen [von Dingen] der Umwelt der Natur bedarf, die es mit Material versorgt, und einer Umwelt, in der das Fertigfabrikat zur Geltung kommen kann, so bedarf das Handeln und Sprechen der Mitwelt, an die es sich richtet. … Die Vorstellung, dass der Starke am mächtigsten allein ist, beruht entweder auf dem Irrglauben, dass wir im Bereich der Gesetze „schaffen“, wie wir Tische und Stühle fabrizieren, oder den Menschen besser oder schlechter „machen“ -, oder aber sie entspringt  der bewussten Verzweiflung an dem Sinn von Handeln überhaupt, des politischen wie des unpolitischen, die sich dann leicht mit der utopischen Hoffnung tröstet, man könne vielleicht die Menschen behandeln, wie man alles andere Material behandelt. Die Stärke geistiger oder physischer Art, die für alles Herstellen benötigt wird, erweist sich für das Handeln als ganz und gar wertlos. Wir kennen zahllose Beispiele aus der Geschichte von der Ohnmacht des Starken und geistig Überlegenen, der daran scheitert, dass er es nicht versteht, sich der Hilfe und des Mithandelns seiner Mitmenschen zu versichern. Dies Versagen erklärt man sich gemeinhin mit der heillosen Minderwertigkeit der Menge und des Ressentiments, das jede hervorragende Persönlichkeit inmitten der gemeinen Mediokrität erweckt. So richtig diese Beobachtungen im Einzelfall sein mögen, sie treffen nicht den Kern der Sache.“ (S. 180)

Am Ende dieses Kapitels kommt Hannah Arendt auf das Verstricktsein in Geschichten zurück:

„Der Grund, warum die Spannung des Lebens, gleichsam der Elan des mit der Geburt gegebenen Anfangs, anhalten kann bis zum Tode, liegt darin, dass die Bedeutung einer jeden Geschichte sich voll erst dann enthüllt, wenn die Geschichte zu ihrem Ende gekommen ist, dass wir also Zeit unseres Lebens in eine Geschichte verstrickt sind, deren Ausgang wir nicht kennen.“ (S. 184)

 

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2 Kommentare zu Vita activa

  1. mikeross sagt:

    Thanks for an idea, you sparked at thought from a angle I hadn’t given thoguht to yet. Now lets see if I can do something with it.

  2. Vera sagt:

    In der Einfachheit liegt der Kern des Pudels ... Handeln ist in Isolierung nicht möglich ... und ... das Verstricken in Geschichten, deren Ausgang erst am Ende erkennbar wird ... es ist einfach genial. Möglicherweise könnte das Vertrauen als Intuition plus Erfahrung ausgelegt werden?

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