Geduld zahlt sich aus

Meine Schulzeit ist mir in guter Erinnerung geblieben. Das liegt vor allem daran, dass ich von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet wurde, die ihren Beruf gerne ausübten und die Schüler als Persönlichkeiten achteten. Widerspruch war erwünscht, eigenständiges Querdenken wurde gefördert. Wichtig war darüberhinaus, dass sich diese Lehrer Zeit für den einzelnen Schüler nahmen. Geduld war ihre Stärke, ähnlich wie in der Geschichte aus dem babylonischen Talmud (Schabbat 30b), die ich hier für Helena nacherzähle:

Die Rabbinen lehrten:
Stets sei der Mensch sanftmütig wie Hillel und nicht jähzornig wie Schammai.

Es ereignete sich einst, dass zwei Männer eine Wette eingingen und sagten: wer hingeht und es schafft, Hillel zu erzürnen, der bekommt 400 Euro (im Original 400 Sus).

Da sagte der eine: Ich schaffe das.

Es war gerade am Vorabend des Sabbat und Hillel war dabei zu duschen und die Haare zu waschen. Da stellte er sich vor Hillels Haus und rief: „Ist Hillel zu Hause! Ist Hillel zu Hause?“
Dieser zog seinen Bademantel über, ging zu ihm und sagte zu ihm: „Junger Mann, was möchtest du?“
Der sagte: „Ich habe da mal eine Frage, die ich dir gerne stellen möchte.“
Hillel sagte: „Nur zu, junger Mann“.
Der sagte: „Warum haben die Babylonier alle runde Köpfe?!“
Hillel antwortete: „Junger Mann, da hast du eine wichtige Frage gestellt. – Weil sie keine klugen Hebammen haben.“

Er ging fort, wartete eine kleine Weile, kam dann wieder und rief: „Ist Hillel zu Hause! Ist Hillel zu Hause?“
Dieser zog seinen Bademantel über, ging zu ihm und sagte zu ihm: „Junger Mann, was möchtest du?“
Der sagte: „Ich habe da mal eine Frage, die ich dir gerne stellen möchte.“
Hillel sagte: „Nur zu, junger Mann“.
Dieser sagte: „Warum haben die Ostfriesen (im Original die „Tadmoreser„) tränende Augen?“
Hillel antwortete: „Junger Mann, da hast du eine wichtige Frage gestellt. – Weil sie oft über den Strand laufen.“

Er ging fort, wartete eine kleine Weile, kam dann wieder und rief: „Ist Hillel zu Hause! Ist Hillel zu Hause?“
Dieser zog seinen Bademantel über, ging zu ihm und sagte zu ihm: „Junger Mann, was möchtest du?“
Der sagte: „Ich habe da mal eine Frage, die ich dir gerne stellen möchte.“
Hillel sagte: „Nur zu, junger Mann“.
Dieser sagte: „Warum haben die Afrikaner Plattfüße?!“
Hillel antwortete: „Junger Mann, da hast du eine wichtige Frage gestellt. – Weil sie in sumpfigen Gegenden wohnen.“

Darauf sagte der junge Mann: „Ich hätte noch so viele Fragen an dich zu stellen, aber ich habe Angst, dass du dann zornig wirst.“

Da setzte sich Hillel hin und sagte zu ihm: „Alle Fragen, die du noch hast, kannst zu stellen.“
Da sagte der junge Mann: „Bist du der Hillel, den man den Fürst Israels nennt?“
Hillel sagte: „Ja, das bin ich.“
„Wenn du das bist“, sagte der junge Mann, „dann hoffe ich, dass es in Israel nicht viele wie dich gibt!“
„Warum denn nicht“, fragte ihn Hillel.
„Weil ich durch dich gerade 400 Euro (siehe oben) verloren habe.“
Da sagte Hillel: „Oha, bei mir kannst du schnell noch einmal 400 Euro verlieren. [Frag soviel du willst, was immer du willst.] Du wirst es niemals schaffen, mich zornig zu machen.“

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3 Kommentare zu Geduld zahlt sich aus

  1. korach86 sagt:

    die ostfriesen finde ich besonders gut :). eine schöne Weisheit.

  2. loewe86 sagt:

    Eine tolle Geschichte - schade, dass viele Lehrer heutzutage nicht wie Hillel sind.

  3. estherjael sagt:

    Das Freundschaftsgedicht von Jehuda haLevi ist wirklich unglaublich schön...und die Sache mit dem Lehren und Lernen wird beherzigt werden;)

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