Die Königszäsur – Für Ute

ICH TRINK WEIN aus zwei Gläsern

und zackere an
der Königszäsur
wie Jener
am Pindar,

Gott gibt die Stimmgabel ab
als einer der kleinen
Gerechten,

aus der Lostrommel fällt
unser Deut. (Paul Celan)

Bei Jean Firges, Vom Osten gestreut, einzubringen im Westen. Jüdische Mystik in der Dichtung Paul Celans, Sonnenberg Verlag 1999, S.153-156 findet sich folgende Interpretation:

„Celans Suche nach dem „Gott in uns“ ist die Suche nach der Königswürde des Menschen, durch die die Gottesebenbildlichkeit des Menschen (nach der schmählichen Erniedrigung im Holocaust) wieder hergestellt werden muß. Celan sieht es als eine seiner Aufgaben, an dieser Herstellung mitzuwirken. Er bezeichnet die Wende von der Erniedrigung des Menschen zu seiner Erhöhung als die „Königszäsur“. An der arbeitet er sich ab. Er gebraucht für diese mühselige Arbeit, die nie zu Ende gebracht werden kann, das umgangswörtliche Verb „zackern“.

Das Gedicht ICH TRINK WEIN (3,108) ist eines der letzten Gedichte, die Celan geschrieben hat. Auf mich macht es den Endruck eines Abschiedsgedichts. Kurz vor seinem Tod hatte Celan im März 1970 an den Feiern zum 200. Geburtstag Hölderlins teilgenommen. In Tübingen sah er im Hölderlinhaus zwei Porträts des Dichters: Das eine stellte den jungen Poeten dar, das andere den wahnsinnigen Dichter. Die Begleiter Celans berichteten über seine Erschütterung beim Anblick dieser Bilder. Celan konnte offenbar nicht umhin, sein eigenes Schicksal mit dem Hölderlins zu vergleichen. Im Gedicht ICH TRINK WEIN tut er das ausdrücklich, denn „Jener“, der am Pindar zackert, ist kein anderer als Hölderlin.

Das Gedicht beginnt mit der für Celan so wichtigen Chiffre des Trinkens: „ICH TRINK WEIN aus zwei Gläsern“. Die Chiffre des Trinkens ist uns aus dem lyrischen  Œuvre Celans geläufig, sie steht für „sich ernähren“ und im erweiterten Sinn für „leben“, „existieren“. Die zwei Gläser, aus denen das lyrische Ich trinkt, sind die beiden Kulturen, in denen es aufgewachsen ist: das östliche (Judentum, Kabbala, Chassidismus) und die westliche (die griechisch-römisch-christliche Kultur). Das Trinken aus zwei Gläsern geht natürlich nicht ohne Polarisierung und Spannung vor sich, die das lyrische Ich in sich austragen muß. Dieses Abarbeiten der Spannungen und das Suchen nach dem eigenen Standpunkt und der eigenen Identität bezeichnet der Autor als „zackern“. Das Verb zackern, gebildet aus dem mittelhochdeutschen ze acker gan in der Bedeutung von pflügen, ist seit dem 17. Jahrhundert schriftsprachlich kaum noch in Gebrauch, hat sich aber in der Umgangssprache regional erhalten. In Celans Gedichten dürfte es die mühsame Beschäftigung mit einem schwierigen dichterischen Thema bedeuten.

In diesem Sich-abarbeiten an einem zentralen Thema sieht sich das lyrische Ich in Gesellschaft mit einem anderen von ihm geschätzten Dichter und Denker: Hölderlin. Der Ausdruck zackern am Pindar ist, und das darf uns bei Celan nicht erstaunen, ein Zitat. Am 11. Juli 1805 hatte der Homburger Hofrat Johann Isaak Gerning in einem Brief nach Weimar berichtet: „Hölderlin, der immer halb verrückt ist, zackert auch am Pindar.“

Celan konnte diese Bemerkung im Dokumententeil des 6. Bandes der Hellingrathschen Hölderlinausgabe lesen. Die Notiz muß ihn zutiefst betroffen gemacht haben, entdeckte er doch deutliche Parallelen zwischen sich und dem Tübinger Dichter: Auch er wurde vom Wahnsinn heimgesucht, auch er arbeitete in einer letzten gewaltigen „Anspannung aller geistigen Kräfte“ an einer Thematik, die mit der des Vorgängers Berührungspunkte hatte, auch bei ihm zeigte sich „eine physische Ermattung (die) sich in immer stärkerer Form äußerte.“

Welches ist nun die „ähnliche“ Thematik, mit denen sich beide beschäftigen? Es ist das Verhältnis von Gott und Mensch. Hölderlin sinnt diesem Verhältnis nach, indem er über die griechische Tragödie nachdenkt; Celan, indem er sich mit der Gotteserfahrung der Mystiker auseinandersetzt. „“Hölderlin versteht die Tragödie als einen Prozeß, der zwischen dem Gott und dem Menschen ausgetragen wird, und zwar im doppelten Sinne des juristischen und des geschichtlichen Prozesses, wodurch der Rechtsfall mehrdeutig wird. Die Geschichte (…) ist in ein bestimmtes Stadium getreten, in die äußerste Entfremdung der Menschen von den Göttern. Das „Gedächtnis der Himmlischen“ ist ihnen „ausgegangen“ oder, mit einem Wort der Friedensfeier: sie haben „übermütig des Himmels vergessen“. Damit ist kein Vergessen der Existenz, sondern des Wesen der Götter gemeint. Kulte, Tempel und Orakel gibt es nach wie vor. Aber sie sind, wie man heute sagt, institutionalisiert; der Mensch verfügt über die Götter.““ [Zitat aus: Wolfgang Binder, Friedrich Hölderlin, Fft/M 1987, S. 191.] Hölderlin glaubt, daß die französische Revolution den Anbruch eines neuen Zeitalters signalisiert. Das Neue geht aber nicht einfach aus dem Alten hervor, sondern aus der unerschöpflichen Fülle der geschichtlichen Möglichkeiten, die in die „Lücke“ zwischen dem Alten und dem Neuen hereindrängen. „“So soll nun die Wahl der einen Möglichkeit, die sich verwirklicht – denn nur eine kann Realität werden -, nicht der tödlichen Gefahr des Zufalls überlassen bleiben, so muß zuvor etwas ins reine gebracht werden: Das Wesen des Alten und das Warum seines Untergangs muß ganz begriffen sein.““ [Binder, S. 179]

Im Pindar-Kommentar Hölderlins geht es um „das Höchste“, um den „König“ aller Sterblichen und Unsterblichen, wobei, wie es im letzten Satz des Kommentars heißt, „König“ hier verstanden werden müsse als „Superlativ, der nur das Zeichen ist für den höchsten Erkenntnisgrund, nicht für die höchste Macht“. Es geht, wenn wir das richtig sehen, bei Hölderlin um die Entthronung der Macht (Gottes) zugunsten der Weisheit.

Auch bei Celan geht es, wie bereits angedeutet, in der „Königszäsur“ um die „Enthöhung“ bzw. eine „Entmächtigung“ Gottes. Bei Celan soll die „Enthöhung“ Gottes mit einer „Erhöhung“, also Aufwertung des Menschen einhergehen, so, daß der Mensch eine „Vergöttlichung“ erfährt und es auf diese Weise zu einer „Innigung“ zwischen Gott und Mensch kommt.

Die ist aber nur möglich, wenn der Mensch geistig so mündig wird, daß er die Verantwortung für das Welt- und Zeitgeschehen mitzutragen bereit ist.

Während das Subjekt der ersten Strophe das lyrische Ich ist, wechselt es in der zweiten Strophe. Gott tritt als das Subjekt der zweiten Strophe auf, aber nicht um seine Macht zu behaupten, sondern um sie abzugeben.

Gott gibt die Stimmgabel ab
als einer der kleinen
Gerechten

Der Prozeß der „Entmächtigung“ Gottes wird bildlich als Abgabe der Stimmgabel vorgeführt. Gott stimmt die Welt nicht mehr an, oder die Welt wird nicht mehr nach ihm gestimmt. Er tritt zurück in die Reihe der „kleinen Gerechten“, unter denen unerkannt auch der Messias lebt. In der Kabbala spielen die Gerechten eine wesentliche Rolle in der Aufrechterhaltung der göttlichen Schöpfung. Ihre Zahl ist auf 36 begrenzt, sie leben unerkannt und im Verborgenen. Sie stellen die „geistige Vitalität“ der Welt dar. […] Der Gerechte ist „Gärtner im mystischen Garten“, in dem die „Leuchtsaat“ des Lichtes ausgesät ist. Von der Lichtsymbolik führt ein direkter Bezug zur Thematik des Nichts. „Der Gerechte steht im Nichts“. Weil er selbst im Nichts steht und nichts für sich will und nichts für sich hat, wird er das reine Medium […] Weil er sich selbst entäußert hat und ein reines Medium geworden ist, „wird er der Spiegel genannt, denn jeder, der auf ihn schaut, sieht sich selbst.“[…]

Als „reines Medium“ können die Dichter das „reine Wort“ (Hölderlin) oder das „Königswort“ (Celan) sprechen und damit die „Lücken“ im Weltgeschehen überbrücken, die die weltgeschichtlichen „Katastrophen“ der Französischen Revolution und des Holocaust gerissen und damit das überkommene Gottesbild zu Fall gebracht haben.

Die letzten Verse des Gedichts relativieren allerdings eine allzu große Hoffnung: „aus der Lostrommel fällt / unser Deut.“

In meinen Augen drücken diese letzten Verse eine tiefe Skepsis aus, die einen Schein von Vergeblichkeit auf alles Zackern an der Königszäsur wirft. Wenn der Lauf der Geschichte durch den Zufall regiert wird, wenn die Lostrommel nur eine moderne Metapher für das Rad der Fortuna ist, dann ist alles der Beliebigkeit anheimgestellt, dann ist unsere Deutung der Geschichte nur eine „Niete“ im kosmischen Lotteriespiel. Sie ist dann keinen Deut wert wert. Und der Dichter? Er wäre dann nur ein Hofnarr eines imaginären Königs.“

Könnte die letzte Sinneinheit nicht auch so verstanden werden: Der Dichter, der etwas zu sagen hat, ist zwar zufällig auf der Welt; er kann nichts zu seiner Geburt; er „fällt aus der Lostrommel“. Aber dann gibt er seine Deut-ung in die Welt. Er ordnet die Dinge aus seiner Perspektive und gibt ihnen damit aus seiner Perspektive Sinn…?

 

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Ein Kommentar zu Die Königszäsur – Für Ute

  1. abulafia sagt:

    Kleine Anmerkungen: Celan und jüdische Mystik - da darf der Begriff Tiqqun nicht fehlen, auch bei diesem Gedicht aus dem Nachlass nicht, und zwar im Sinn der Wiederherstellung des Selbst, des Juden und des Judentums, des Menschen, seiner Beziehung zu Gott, Gottes, der kosmischen Balance, der Balance zwischen Gott und Mensch ... "Wein aus zwei Gläsern", das sind nicht nur zwei Kulturen, sondern vor allem zwei Sprachen, zwei Orte: die deutsche Muttersprache und das Hebräische, das er bei seinem Besuch in Jerusalem 1969 wohl viel besser sprach und verstand als erwartet, das Exil und die mögliche Rückkehr (aber wo wäre ihm Exil, wo Rückkehr gewesen?). Felstiner erwähnt in seinem faszinierenden Buch "Paul Celan", München 1997, S. 351/352, dass Celan dieses Gedicht spät im November 1969 an seine letzte Liebe Ilana Schmueli in Jerusalem geschickt und dazu geschrieben hat, "In der Königszäsur ... da stehen wir jetzt". Felstiner sieht da einen "messianischen Schnittpunkt", und mit seinem musikalischen Gehör vernimmt er in "Königszäsur" auch KZ. Wenn es um die Beziehung Mensch-Gott geht, dann unbedingt auch historisch, nach der Schoah, wenn alles aus dem Lot ist und Gott nur noch einer von jenen Verborgenen, auf denen die Welt ruht, nicht mehr der einzige Grund der Welt. Und: Gott wirft Lose, z. B. wenn er den Völkern ihre Länder zuteilt, der Hohepriester konnte Lose werfen; die Lostrommel aber ist säkular und was herausfällt, ist bloß "unser Deut". Da hört Felstiner die Assonanzen "Deut-sch" und "Deut-ung", ja, aber der Deut war ganz konkret "die kleinste niederländische Kupfermünze des 16. Jahrhunderts im Wert von 2 Pfennig" (Meyers Taschenlexikon), eine veraltete Münze somit und von geringem Geldwert. Aus der säkularen Lostrommel fällt "unser" (!) (jüdischer) "Deut". Der Safeder Mystik des 16. Jhs. entstammt der Tiqqun ...

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