Assimilation und kulturelle Erneuerung

Aus einer Rede, die Emmanuel Lévinas, in Jerusalem hielt, und die im Frühjahr 1980 veröffentlicht wurde. Sie findet sich erneut wiedergegegeben in der Textsammlung „Anspruchsvolles Judentum“, S. 163-164 und 165-166. Für Vera, … Fortsetzung des gemeinsamen „Mittagsgesprächs“:

„Die Assimilation gilt nach allen guten Regeln der Soziologie als objektiver, von strengen Gesetzen bestimmter Prozess und sogar als der soziale Prozess par excellence. Zu ihren Faktoren gehören sowohl die von einer homogenen Mehrheit auf die Minderheit ausgeübte Anziehungskraft als auch die Schwierigkeiten aller Art, die jene erwarten, welche hartnäckig darauf bestehen, die Ausnahme von der Regel – sogar angesichts von Sitten und Gebräuchen – bilden zu wollen, und ferner die ökonomischen Zwänge, die, wenigstens in der modernen Gesellschaft, die Unterschiede atomisieren. Der breiten Strömung zu widerstehen, die die Mehrheit mitreißt, erfordert vom Einzelnen Mut und Kraft.

Trotz des evidenten Zwanges, der diese Entwicklung steuert, wird die Assimilation jedoch als Verrat oder als Verfall angeprangert. Man unterstellt Gesinnung. Plädoyers für sie werden des Egoismus oder des Opportunismus verdächtigt, des kleinmütigen Wunsches nach einem problemlosen Leben, der Furcht vor dem Risiko.

Dieses Urteil zu kritisieren, käme mir nicht in den Sinn, wenn Assimilation immer Abfall vom Jüdischen hieße. Aber ich möchte daran erinnern, oder zumindest darauf hinweisen, dass, solange es sich um Assimilation an die westliche Kultur handelt, man nicht denken sollte, sie sei allein auf Ursachen zurückzuführen: Sie geht vielmehr auch auf Argumente und geistige Bedürfnisse zurück, die aufgeklärte Menschen bewegen. […]

Die europäischen Lebensformen haben die Israeliten in dem Maße für sich eingenommen, wie sie die geistigen Vorzüge der Universalität repräsentieren – jener Norm des Fühlens und Denkens, aus der die moderne Wissenschaft, Kunst, Technologie, aber auch das demokratische Denken entspringen, und die das Fundament der an das Freiheitsideal und die Menschenrechte gebundenen Institutionen ist. […]

Wie beschaffen aber auch immer das Bewusstsein und die Kenntnisse heute sein mögen, die wir von der Einzigartigkeit und vom spirituellen Reichtum unseres Judentums bewahrt und erworben haben, es wird uns doch unmöglich sein, die entscheidende Bedeutung des Universellen zu vergessen, das die unsere im Okzident verbrachte Zeit uns in Erinnerung gerufen hat, im Okzident, wo das Universelle so bewunderungswürdig formuliert worden ist. Eine, wenn man so sagen kann, doppelte universelle Kultur. Sie stellt sich als gemeinsames Erbe der ganzen Menschheit dar: Jeder Mensch, jedes Volk darf voll und ganz an ihr teilhaben und einen seinen angeborenen Kräften und seiner Berufung entsprechenden Platz einehmen. Und gleichzeitig birgt sie das Universelle in ihrem Gehalt: Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und bildende Künste. Sie treibt das Universelle bis zum Formalismus, findet in ihm ihre Werte und das Prinzip ihres Wollens, das heißt, ihre Ethik. Sie entdeckt in ihm auch und vor allem die Philosophie, das  heißt vor allem eine gewisse Redeweise, deren Semantik sich an keinem nicht kommunizierbaren Mysterium stößt, an nichts Unähnlichem; aber eine Redeweise, die es verstand, Metaphern durch Sublimation in Begriffe umzumünzen, so dass sie jede gelebte Erfahrung auszudrücken in der Lage ist, in welche Sprache diese Erfahrung auch ursprünglich gekleidet sein mag, und sei sie auch unsagbar.“


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Ein Kommentar zu Assimilation und kulturelle Erneuerung

  1. Vera sagt:

    Ja! Vielen Dank!! Der Ansatz ist so präzise und pointiert! ... to be or not to be? Die Einfalt gegen die Vielfalt oder vice versa? ... Ich denke über die "Bagel" Theorie nach(zu rund?), nämlich, dass die "westliche" Kultur ist u.a. auch von Judentum/jüdische Kultur geprägt. Wenn man die "Hollywoodism" Theorie uneingeschränkt akzeptiert .. der "American Dream" war grösstenteils durch die osteuropäische/russische Juden kreiert, nämlich durch die Filmindustrie (und Musik) in den 20-40 Jahren. Auch der McCarthy Bruch in den 50ern durfte nicht so bedeutend sein, wenn man sich die heutige amerikanische Filmlandschaft anschaut. Die Werte ihres Beitrages wurden in der allgemeinen Gesellschaft akzeptiert (Assimilation der Mehrheit an die Minderheit?? Oder, wenn es weiter geht, Assimilation an - bewusst oder unbewusst - eigene Werte? Oder aber sind sie schliesslich nicht universel an sich?? Wenn diese Werte universell sind, wovon fällt man dann ab?). Hinzu ist mir noch Kundera´s Essay über die Kunst des Romanschreibens eingefallen, den ich vor einigen Tagen versteckt in Regal gefunden habe (bis dahin ungelesen! es war mir früher zu kafkaesk), der die Hellenisierung der gesammten Kulturen Europas (darunter Juden) als Anfang der "westlichen" Kultur(en) versteht. Btw. der Hollywoodism ist ein Begriff von Jacobovici/Halpern, die ein gleichnamiges Dokumentarfilm produziert hatten, nach einem Buch von Neal Gabler. (Muss (es) hier angeben haha, wer möchte schon Verteidigungsminister werden ...) Vielen Dank, Dagmar, sehr interessante Anregung und Idee! Freue mich aufs nächste Mittagsgespräch ...

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